8. – 10. Schuljahr

Ksenia Kuzminykh / Sebastian Rezat / Elvira Topalović

Textaufgaben verstehen

Lesen und Variieren komplexer Textaufgaben mit sprachlich-mathematischen Strategien

Eine wichtige Fähigkeit beim mathematischen Modellieren ist es, alle für die Lösung einer Aufgabe relevanten Informationen aus Texten, Grafiken und Tabellen zu verstehen und „verschiedene Formen der Informationsdarbietung adäquat aufeinander zu beziehen (Schnotz 2002, S. 80).
Eine besonders hohe Anforderung an die Lernenden stellen dabei komplexe Textaufgaben, d. h. Aufgaben, in denen kontinuierliche (lineare) Texte oder auch: Fließtexte durch diskontinuierliche (nicht-lineare) Texte wie Tabellen, Diagramme, Schaubilder oder Grafiken ergänzt werden. Textaufgaben stellen bereits in der Grundschule eine höhere Anforderung an Lernende (vgl. z. B. Reusser 1997). Treten diskontinuierliche Elemente wie Diagramme und Tabellen hinzu, ändern sich die Anforderungen an das Leseverständnis, weil alltägliche Wahrnehmungsschemata nicht mehr genügen (vgl. Schnotz 2002, S.72). „Hier muss im Unterschied zu realistischen Bildern der dargestellte Sachverhalt erst auf einer abstrakten Ebene durch gemeinsame Strukturmerkmale mit dem Textinhalt verbunden werden. (Rosebrock/Nix 2014, S. 108) Komplexe Aufgaben mit kontinuierlichen und diskontinuierlichen Texten sowie mit verschiedenen Teilaufgaben sind auch typisch für zentrale Abschlussprüfungen. Lernende müssen sich also alle Informationen, die zum Lösen der einzelnen Teilaufgaben erforderlich sind, aus der Aufgabenstellung und ergänzenden Grafiken, Tabellen, Diagrammen u.a. zusammensuchen.
Lese- & Variationsstrategien
Im Rahmen eines Projekts zum sprachsensiblen Mathematikunterricht wurden gezielt Lese- und Variationsstrategien in den Blick genommen und im Unterricht ausprobiert. Die zentrale Idee ist, den Lernenden spezifische Strategien für komplexe Aufgaben mit kontinuierlichen und diskontinuierlichen Texten an die Hand zu geben (zu Strategien für algebraische Textaufgaben in Klasse 7/8 vgl. z. B. Krägeloh/Prediger 2015). In einem ersten Schritt sollen Lernende üben, alle relevanten Informationen, die für die Bearbeitung einer Teilaufgabe notwendig sind, zu suchen.
Um die sprachlichen Unterschiede von Aufgabenformulierungen in Form kontinuierlicher und diskontinuierlicher Texte stärker ins Bewusstsein der Lernenden zu rücken, werden Lesestrategien (Strategie 1 „Alles erfasst?) durch Variationsstrategien (Strategie 2 „Alles in den Text gebracht?; Strategie 3 „Sag es mit anderen Worten! und Strategie 4 „Mach lange Sätze zu kurzen Sätzen!) ergänzt (Kasten 1).
Kasten 1:Strategien zum Lösen von Aufgaben
Kasten 1:Strategien zum Lösen von Aufgaben
Lesestrategie
  • Strategie 1: Alles erfasst? Wo finde ich alle Informationen, die ich brauche?
Variationsstrategien
  • Strategie 2: Alles in den Text gebracht? Wie verändere ich den Aufgabentext so, dass Tabellen oder andere Elemente überflüssig werden?
  • Strategie 3: Sag es mit anderen Worten!Welche anderen Wörter kann ich verwenden?
  • Strategie 4: Mach lange Sätze zu kurzen Sätzen!Wie viele kurze Sätze verstecken sich in einem langen Satz?
Hans Schupp versteht unter Aufgabenvariation eine Methode zum Verändern von Aufgaben, bei der versucht wird, „möglichst jeden in der Aufgabe vorkommenden Begriff (jedes Wort) nacheinander sinnvoll abzuändern (Schupp 2002, S. 21).
Obwohl der Schwerpunkt auf der Veränderung mathematischer Begriffe und Elemente der Aufgabenformulierung liegt (z. B. von Zahlenwerten, Formen oder Bedingungen, vgl. ebd. S.31 ff.), wird das sprachliche Potenzial von Aufgabenvariationen sofort erkennbar. Denn die Aufgabenstellung könnte auch auf Wort-, Satz- oder Textebene geändert werden: Die Lernenden variieren die Teilaufgaben zu Übungszwecken so, dass sie alle notwendigen Informationen enthalten und damit für sich genommen einen kontinuierlichen Text ergeben. Damit werden nicht nur Lese- und Verstehensprozesse, sondern auch die...

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