5. – 9. Schuljahr

Patrick Rodeck

Strategien für einen sprachreichen Mathematikunterricht

An unserer Schule, einem Gymnasium mit einer Schülerschaft, die zu weiten Teilen bildungssprachlichen Elementen häufig nur in der Schule begegnet bzw. zu Hause eine andere gesprochene Sprache als Deutsch erlebt, haben wir fächerübergreifend nach Förderstrategien für diesen wichtigen Bereich Sprache gesucht. Für den Mathematikunterricht gehen dabei Maßnahmen zur Erhöhung der sprachlichen Anteile Hand in Hand mit Sprachfördermaßnahmen zur Unterstützung des Mathematikverstehens. Da niemand einem Lernenden seine eigenen Konstruktionsprozesse abnehmen kann, sondern er diese selbst vollziehen muss (vgl. von Glasersfeld 1997), benötigen die Lernenden insbesondere sprachliche Kompetenzen, die sie befähigen, das Kernproblem sprachlich zu erfassen. Sie sollen den Vorstellungsaufbau in der Diskursebene sprachlich mitdenken, verstehen und ihre gewonnenen Erkenntnisse verbalisieren können.
Die systematische Förderung von fachspezifischen Schreib- und Lesestrategien ist daher ein wichtiges Instrument fachbezogener und nachhaltiger Sprachbildung im Mathematikunterricht, da ohne sie Hürden im Aufbau neuen Wissens nicht überwunden werden können. Diese Thematik gewinnt vor allem dadurch an Aktualität, dass die Schülerschaft in vielen Klassen in Hinblick auf ihre Sprachkompetenzen deutlich heterogener geworden ist (vgl. Aktionsrat Bildung 2016).
Im Folgenden werden Anregungen präsentiert, wie Lehrpersonen ihren Unterricht so gestalten können, dass die Lernenden ihn sprachreicher durchleben und dauerhaft erweiterte Sprachregister erwerben können. Im Fachunterricht ist die Sprachförderung somit nicht additiv zu verstehen, sondern als Teil des Mathematiklernens (vgl. Prediger 2017). Im Weiteren möchte ich an konkreten Unterrichtsbeispielen verbildlichen, wie Mathematikunterricht konzeptionell sprachbewusst angelegt werden kann.
Mathematik im Sprachförderkonzept der Schule
Es ist sinnvoll, wenn sich alle Fächer der gemeinsamen Aufgabe annehmen, Bildungssprache zu fördern. Sobald Sprachbildung durchgängig in allen Fächern stattfindet (Gogolin 2010), können sich Strukturen etablieren, die den Schülerinnen und Schülern aus mehreren Fächern bekannt sind. Um die Lernenden zu befähigen, gesprochene und geschriebene Sprache ganz selbstverständlich im Unterricht zu nutzen, kann man zunächst mit kleinen, vor allem schriftlichen, Übungen beginnen.
Schriftsprachliche Anteile erhöhen: Die stille Stunde
Im Rahmen einer Übungsstunde oder Lernzeit erfolgt so die Vereinbarung mit den Lernenden sämtliche Kommunikation rein schriftlich. Alle Fragen, die sich während der Bearbeitung der Aufgaben ergeben, werden aufgeschrieben. Die Lehrperson kommuniziert mit den Lernenden ebenfalls ausschließlich auf dem Blatt. Einführend wird das Vorgehen mit den Lernenden besprochen: „Stellt euch unsere Kommunikation wie einen Chat vor.
Ich habe diese Methode zunächst in kürzeren Übungsphasen eingeführt und später auf ganze Lernzeiten ausgeweitet. Durch das regelmäßige Nachlesen von „Chatverläufen habe ich zudem die Möglichkeit, besser nachzuvollziehen, an welcher Stelle Fragen bei den Lernenden auftauchen. Oft fehlt ihnen nur die Bedeutung eines Wortes, um die Aufgabe zu erschließen. Bei konzeptionellen Schwierigkeiten kann ich später gezielt auf diese eingehen oder direkt in schriftlicher Form.
Mathematische Geschichten erzählen und selbst erfinden
Das Erzählen von Geschichten, z.B. aus dem Land der Mathematik, wirkt oft sehr motivierend und eröffnet einen aus dem Deutschunterricht bekannten Kontext. Erdachte Geschichten erwecken Neugier und bieten die Möglichkeit, mathematisches Wissen mit einer Geschichte zu verknüpfen und zu verankern. Ein bekanntes Beispiel ist der „Zahlenteufel (Enzensberger 2018). Der entscheidende Vorteil von guten Geschichten ist, dass diese zum Weitererzählen einladen. Ein Beispiel ist die Einführung von Zahlensystemen (s. Online-...

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