1. – 13. Schuljahr

Lernen gemeinsam auf unterschiedlichen Wegen

Es gibt verschiedene Auffassungen von inklusivem Unterricht. Alle nehmen die Vielfalt der Menschen in den Blick, die mit ihren individuellen Voraussetzungen akzeptiert und selbstbestimmt auf ein gesellschaftliches Leben vorbereitet werden sollen.

Inklusiver Mathematikunterricht beruht auf einem Verständnis von Wertschätzung für Vielfalt. Durch gezielte unterrichtliche Maßnahmen, wie die Auswahl geeigneter Beispiel und Aufgaben oder das Bereitstellen adäquater Hilfs- und Arbeitsmittel, soll jede einzelne Schülerin und jeder einzelne Schüler unterstützt und gefördert werden. Dabei umfasst Inklusion im Sinne eines gemeinsamen Lernens wirklich alle, vom oberen bis zum unteren Leistungsspektrum.
In diesem Heft widmen wir uns besonders dem Förderschwerpunkt Lernen, der eine Facette der Heterogenität von Lernenden abbildet. Das Fördern bei Rechenstörungen bzw. bei Lernschwierigkeiten im Erfassen mathematischer Inhalte gehört zum mathematikdidaktischen Kern.
Unterrichtliche Konzepte für Lernende mit dem Förderbedarf „Lernen
Für Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt „Lernen gilt es, ein Lernumfeld zu schaffen, in dem eine sachangemessene Auseinandersetzung mit Mathematik stattfindet. Es soll ihnen dabei ermöglicht werden, am allgemeinen Lernfortschritt entsprechend ihrer Befähigungen teilzunehmen. In dem Positionspapier „Fachdidaktik für den inklusiven Mathematikunterricht (GDM/ DMV/MNU 2017) werden vier Aspekte betont, die für eine gelungene Inklusion notwendig erscheinen:
Eine geeignete Balance zwischen individuellem und gemeinsamen Lernen finden, und dabei Unterrichtsmethoden und Sozialformen begründet verbinden, insbesondere im Hinblick auf Lerninhalte, Unterrichtsphasen und kognitive Anforderungen.
Soziale Interaktion im gemeinsamen Lernen als einen wesentlichen Baustein zur Entwicklung des individuellen Lernprozesses ermöglichen.
Ausrichten der Lernprozesse an dem individuellen fachlichen Lernbedarf, bei denen das Verständnis im Mittelpunkt steht.
Über das eigene Fach hinaus differenzieren, dazu gehört auch eine sprachliche Sensibilität.
Dabei ist, wie deutlich betont wird, eine fachliche Fundierung der Inhalte bei allen genannten Aspekten die Voraussetzung für die Gestaltung von Lernprozessen.
Bevor wir auf die konkrete Gestaltung von Lernumgebungen eingehen, möchten wir erst noch den Förderschwerpunkt Lernen an sich genauer in den Blick nehmen.
Förderschwerpunkt Lernen: Hintergründe
Die Feststellung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs bedarf einer umfassenden gutachterlichen Diagnostik. In den verschiedenen (Bundes-)Ländern sind die Vorschriften hierfür zum Teil unterschiedlich geregelt. In der Regel ist die Grundlage ein diagnostisches Verfahren, das sich an den Beschreibungen des „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM – V) oder an der Fassung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im „International Classification of Diseases (ICD-10) orientiert. Die Umschreibung von Lernstörungen im ICD-10 nennt Ausschlusskriterien (allgemeine Intelligenzminderung, unzureichende Beschulung). Danach wäre eine Rechenstörung zu diagnostizieren, wenn bei „normaler Intelligenz „gravierende Probleme im mathematischen Bereich festgestellt werden (Diskrepanzkriterium).
Lange Zeit wurde die Rechenstörung nicht als Teilleistungsstörung wahrgenommen (vgl. Hasselhorn/Schuchardt 2006). Das lag vor allem an der Überzeugung, die Rechenstörung sei – im Gegensatz zur Lese-Rechtschreibstörung – stark mit der allgemeinen Intelligenz verknüpft. Da viele Intelligenztests in hohem Umfang mathematische und logische Fähigkeiten umfassen (wie die Fortsetzung von Reihen, mentale Rotation von Körpern), war dieser Gedanke naheliegend. Eine Minderleistung in Mathematik wird mithilfe eines Leistungstests (z.B. DEMAT) ermittelt, und liegt nach wissenschaftlichen Kriterien dann vor, wenn die individuelle Leistung mehr als zwei...

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