1. – 6. Schuljahr

Bernd Neubert

Wo ist meine Chance größer?

(Vor-)Erfahrungen aus der Grundschule nutzen

„Wahrscheinlichkeitsrechnung bereits in der Grundschule? Aber das ist doch viel zu früh. Eine solche Reaktion zum Thema Stochastik in der Grundschule ist nicht nur unter Grundschullehrkräften, sondern auch unter Sekundarstufenlehrkräften anzutreffen.
Im Grundschulunterricht geht es allerdings darum, ein erstes Verständnis von Zufall und Wahrscheinlichkeit zu entwickeln und nicht darum, mit Wahrscheinlichkeiten zu rechnen, da die dafür notwendige Bruchrechnung ohnehin erst später behandelt wird.
Tatsächlich stellt die Auseinandersetzung mit Wahrscheinlichkeiten für die Kinder kein absolutes Neuland dar. Aus ihrer Erfahrungswelt bringen sie in der Regel schon Vorerfahrungen mit, die auch mit recht unterschiedlichen Vorstellungen zu „Wahrscheinlichkeit verbunden sind. Daher erfolgt die Behandlung von Wahrscheinlichkeit in der Grundschule im Sinne des Spiral- und Integrationsprinzips, propädeutisch in Bezug auf die systematische Auseinandersetzung in der Sekundarstufe.
Nach den in den KMK-Bildungsstandards formulierten Kompetenzen sollen deutsche Schülerinnen und Schüler am Ende der 4. Jahrgangsstufe in der Lage sein, Wahrscheinlichkeiten von Ereignissen in Zufallsexperimenten zu vergleichen. Als Teilkompetenzen sind die Kenntnis von Grundbegriffen (z. B. sicher, unmöglich, wahrscheinlich) und das Einschätzen von Gewinnchancen bei einfachen Zufallsexperimenten (z.B. bei Würfelspielen) formuliert (vgl. KMK 2005, S. 11). Auch in der Schweiz ist das Thema „Wahrscheinlichkeit mit dem neuen Lehrplan (vorher rudimentär) verpflichtend in die Primarstufe (Kl. 16) aufgenommen worden, in Österreich sind im Lehrstoff des Lehrplans an Volksschulen (1. bis 4. Schulstufe) Inhalte, welche Wahrscheinlichkeit betreffen, nicht angeführt.
Seit den Festlegungen der Bildungsstandards hat das Thema „Daten und Zufall Einzug gehalten in die Kerncurricula der Bundesländer und als Folge auch in die Schulbücher. In der Unterrichtspraxis gibt es hier sicher große Unterschiede. Es gibt inzwischen zahlreiche Veröffentlichungen über Erfahrungen mit interessanten und kreativen Ansätzen zum Thema Wahrscheinlichkeit in der Grundschule. Wenn Kinder die Gelegenheit bekommen, selbstständig Zufallsexperimente durchzuführen, wirkt dies immer faszinierend und motivierend zugleich und bereitet außerdem Freude am Mathematikunterricht. Beim Reflektieren über die beobachteten zufälligen Phänomene beginnt ein Prozess, in dem die Schülerinnen und Schüler von subjektiven Vorstellungen (die mitunter auch Fehlvorstellungen sind) zu zunehmend objektiveren und formaleren Auffassungen im Umgang mit der Wahrscheinlichkeit geführt werden.
Ausgewählte Aufgaben zur Wahrscheinlichkeit
Im Folgenden wird eine Auswahl möglicher Aufgaben vorgestellt, die im Unterricht erprobt wurden. Dabei werden auch typische Lösungsstrategien und Vorstellungen betrachtet.
Im arithmetischen Anfangsunterricht werden sehr häufig das Werfen von Wendeplättchen oder das Verwenden von Schüttelboxen genutzt, um Zahlzerlegungen zu erzeugen. Hier bietet es sich an, darüber nachzudenken, dass dabei der Zufall eine Rolle spielt (vgl. dazu auch Aufgabe 1 des Arbeitsblattes ). Durch die Verwendung von Begriffen wie unmöglich, möglich und sicher werden die Kinder behutsam an zugehörige Fachtermini herangeführt. (So wird das Begriffswort sicher im Alltag anders verwendet als in der Fachsprache der Wahrscheinlichkeit.) Für die Grundschule erscheinen die folgenden Begriffserklärungen sinnvoll.
  • Unmöglich: trifft nie zu, kann niemals geschehen
  • Möglich: kann schon sein, ist durchaus möglich
  • Sicher: trifft immer zu, stimmt genau
Experimente mit Würfeln und anderen Körpern
Der klassische Spielwürfel ist den Schülern als Zufallsgenerator aus vielen Gesellschaftsspielen bekannt, außerdem spielt er im Mathematikunterricht häufig von der ersten Klasse an eine Rolle (Würfeln von...

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