Ethische Aspekte der MathematikCheck vor der Geburt: Pränataldiagnostik

Der deutsche Bundestag debattiert über die Pränataldiagnostik: Sollen nicht-invasive genetische Methoden eine Kassenleistung werden? Zur Mathematik gehört das Wissen um die Aussagekraft solcher Tests. Zur Politik gehört das Wissen um ethische und gesellschaftliche Aspekte dieser Methoden. Wir stellen Ihnen Filme und Anregungen vor, mit denen Sie die Debatte in ihrem Unterricht unterstützen können.

Ultraschall - Pränataldiagnostik

Foto: OpenClipart-Vectors/Pixabay CC0

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Themen ansprechen, auch wenn sie sensibel sind

Das Thema „Pränataldiagnostik“ auch unter ethischen oder sozialkundlichen Gesichtspunkten mit der Lerngruppe zu diskutieren, ist eine Herausforderung. Wie viel Raum möchten wir im Mathematikunterricht dem Thema geben? Andererseits: Realitätsbezug und Lebensnähe beinhalten eben auch Aspekte, die nicht rein rechnerisch sind. Die vielleicht sehr persönlich sind und gerade dadurch auch für die Mathematik motivieren können. Und auf die wir - vor oder nach der mathematischen Betrachtung - auch inhaltlich mit den Lernenden eingehen sollten. 

Eine Diskussion kann den Schülerinnen und Schülern helfen, sich eine begründete Position zu diesem Thema zu erarbeiten. Dazu bedarf es ausgewogene Medien und sachliche Informationen. Im Internet finden sich zu den nichtinvasiven molekulargenetischen Tests kaum neutrale Informationen (oft zeigt erst ein Blick in das Impressum, ob Testanbieter, Verbände, Glaubensgemeinschaften ... die Inhalte verantworten). 

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Die Sendung "Vom Ende der guten Hoffnung - Die überwachte Schwangerschaft" greift das Thema der Pränataldiagnostik auf. Ausgewogen wird die Entscheidungsfindung für oder gegen einen Test thematisiert.

Auch die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen werden thematisiert: Wie sehen Menschen mit Down-Syndrom solche Tests? Welche Konsequenzen hat das "gläserne Baby"?  Die Einzelsequenzen sind etwa drei Minuten lang, der ganze Film dauert 15 Minuten.  

Anregungen aus dem Tutzinger Diskurs

Zum Thema „Reproduktionsmedizin und Pränataldiagnostik“ hat die Akademie für Politische Bildung in Tutzing schon 2015/16 intensiv gearbeitet (Tutzinger Diskurs) und neben 23 Thesen auch Anregungen für den Unterricht zusammengestellt. Dabei geht es um;

  • Problembewusstsein entwickeln mit Beispielen und Filmen
  • Wissensaneignung zu Pränataldiagnostik und NIPTs
  • Konflikte während der Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch
  • Menschen mit Behinderung
  • Der Begriff der Menschenwürde und die pränatale Entwicklung
  • Die Komplexität des Themas: Entscheidungsautonomie der Frau, Lebensrecht des ungeborenen Lebens, Sichtweise der Menschen mit Behinderung

Die Aufgabenanregungen für den Sozialkunde-Unterricht können Sie hier herunterladen. 

Notation sensibel wählen

Im Mathematikunterricht ist übliche Notation bedingter Wahrscheinlichkeiten P(krank l T+) bzw. P(gesund l T-). Sie gibt an, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Sachverhalt vorliegt, wenn das Testergebnis positiv bzw. negativ ist. Im Zusammenhang mit Tests zu Gendefekten, kann man den im Unterricht den Kontext auch in der Notation berücksichtigen: P(Gendefekt l T+) bzw. P(kein Gendefekt l T+). Dies trägt insbesondere der Tatsache Rechnung, dass Trisomie 21 keine Krankheit ist.

Es ist kein Befund, es ist eine Wahrscheinlichkeit

Eine Diagnose zu stellen, ist oft nicht einfach. Viele Untersuchungen können eine Krankheit oder eine Anomalie nicht mit 100%-iger Sicherheit diagnostizieren. Es gibt einige Fragen, die beim Umgang mit dem Ungewissen (besonders bei medizinischen Themen, aber nicht nur) helfen (vgl. Gigerenzer u.a. 2009).

  • Die Relevanz einschätzen: Handelt es sich um das Risiko, ein bestimmtes Symptom zu zeigen, eine Nebenwirkung zu bekommen, eine Krankheit zu haben oder zu sterben?
  • Die Zeitspanne beachten: Risiken können sich mit der Zeit ändern. Auf welchen Zeitraum bezieht sich die Wahrscheinlichkeitsangabe?
  • Die Größe des Risiko verdeutlichen: Das Risiko in absoluten Zahlen angeben. Dies gilt besonders bei der Berechnung und Deutung bedingter Wahrscheinlichkeiten.
  • Die eigene Person in den Blick nehmen: Gehöre ich zur "Risikogruppe"? Wäre auch ich bei einer Studie als Proband in Frage gekommen?
  • Die Nachteile bedenken: Wie viele Testergebnisse sind falsch-positiv? Können sich auch unnötige Behandlungen die Folge sein (etwa wenn bei Test auch Anomalien oder harmlose Erkrankungen ohne Symptome entdeckt werden)?

Zum Weiterlesen 

Sanfter Check vor der Geburt. Beitrag in mathematik lehren, Heft 212

Sandrea Schulz: Das Ganze Kind hat so viele Fehler (Erlebnisse einer Mutter)

Anregung für fächerübergreifenden Unterricht

Zur Genetik:

Diagnose: Was du über Genetik weiße und was du wissen solltest (Schülerarbeitsheft Sek. I, Unterricht Biologie)

Genetik begreifbar machen (Material und Anregungen zur Unterrichtsgestaltung, Biologie 5-10)

Zur Mathematik in anderen Fächern:

Mathe – ein Werkzeug für Biologen(Schülerarbeitsheft Sek. I, Unterricht Biologie)

Mathematik im Biologieunterricht (Konzepte und Material zur Unterrichtsgestaltung, Unterricht Biologie)

Literatur

Gerd Gigerenzer, Wolfgang Gaissmaier, Elke Kurz-Milcke, Lisa M. Schwartz und Steven Woloshin: "Glaub keiner Statistik, die du nicht verstanden hast". Spektrum Verlag, Gehirn & Geist" 2009.

 

 

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