RisikokompetenzGerd Gigerenzers Plädoyer für statistische Bildung

DLF-Nova sendete im April diesen Jahres einen Vortrag, der aus Lehrerperspektive als willkommenes Plädoyer verstanden werden kann – als Plädoyer für eine Gesellschaft, die Inhalte des Matheunterrichts in ihrer praktischen wie politischen Bedeutung anerkennt, stärkt und somit eine Meta-Ebene des Unterrichts erlaubt: Gerd Gigerenzer, Psychologe, Direktor emeritus am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (Berlin) und einer der Autoren der sogenannten „Unstatistik des Monats“ führte anekdotenreich die Relevanz einer frühen Schulung „statistischen Denkens“ aus.

Motto Gerd Gigerenzers: "Denken sollten wir wieder lernen"

Foto: stafichukanatoly/Pixabay

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„Habe Mut, zu wissen“

… dieser Leitspruch Kants scheitere grandios in der Breite der heutigen Gesellschaft, so Gerd Gigerenzer. Dem Psychologen geht es primär um den „Umgang mit Risiko und Unsicherheit“ – wie uns der Titel seines Vortrags verrät. Die kompetente Handhabung und Deutung von Statistiken und Wahrscheinlichkeiten als Grundlage einer realistischen (Chancen- wie) Risikoeinschätzung scheint er als unbedingte Voraussetzung für ein demokratisches Miteinander zu betrachten.

Viele Forschungsprojekte, die Gerd Gigerenzer in der Vergangenheit durchführte, illustrieren jedoch, dass es vielfach daran mangeln könnte, sich des „eigenen Verstandes zu bedienen“ (Kant) und dass stattdessen Fremddeutungen oder Alltagstheorien die Oberhand behalten:

„Wenn Sie ins Internet gehen und das Wetter von morgen ansehen und dann lesen Sie: ‚Die Wahrscheinlichkeit, dass es morgen regnet, ist 30%.‘ Was bedeutet das? Wir haben eine Untersuchung in vielen Städten der Welt durchgeführt und die Menschen gefragt. […] Die meisten Berliner sind der Meinung: 30% Regenwahrscheinlichkeit bedeutet, dass es morgen in 30% der Zeit regnet. Also sieben bis acht Stunden. Andere sind der Meinung, es bedeutet, dass es morgen in 30% der Gegend regnet. Also wahrscheinlich nicht, wo ich wohne. […] Eine Frau in Athen sagte uns: ‚Ich weiß, was 30% Regenwahrscheinlichkeit bedeutet. Nämlich: Drei Meteorologen denken, es regnet, und sieben nicht.‘ Dieses Beispiel veranschaulicht Folgendes: Wir sind von Wahrscheinlichkeiten und Prozenten umgeben. Wir denken, wir würden es verstehen. Aber wenn man genau hinschaut, versteht jeder etwas anderes.“

Der Vortragende plädiert für einen Unterricht, der „Mathematik der Ungewissheit“ lehrt, indem er sowohl Zahlen als auch Deutungen stetig hinterfragt und Unsicherheiten als Resultat zulässt.

„Alle 11 Minuten…“

Mangelhafte und somit unmündige Mathekenntnisse seien heute bis in elitäre Kreise akzeptiert, ja geradezu Mittel für eine Basis verständnisvoller Nähe zwischen sich weitestgehend Unbekannten. Und dieses breite Selbstverständnis des Nicht-Könnens wüssten Industrie und Politik vorsätzlich zu nutzen, um Einfluss zu nehmen.

Gerd Gigerenzer klärt einen rosa-roten Traum auf: „Alle elf Minuten verliebt sich ein Single über Parship. Das klingt doch gut? Sie zahlen dafür und dann warten Sie elf Minuten… Oder vielleicht nochmal elf? Das wäre eine tolle Nachricht, wenn Parship nur hundert Mitglieder hätte! Beginnen Sie mal nachzudenken. In der Stunde verlieben sich sechs. Jetzt nehmen wir mal an, dass wir 24 Stunden am Tag unterwegs sind, Partnersuchen. Also 24 mal sechs sind 144. Dann machen wir die Partnersuche 365 Tage – kommt ungefähr 50 000 raus. Angeblich hat Parship zwischen vier und fünf Millionen… – sagen wir mal, wenn sie nur eine Million hätten von Premium-Mitgliedern. Also wenn sich 50 000 in einem Jahr verlieben von einer Million – sind 5%. Also 95% verlieben sich nicht. Im Jahr. […] Also wenn Sie eine gute Chance haben möchten, sich so zu verlieben, dann müssen Sie schon mehr als zehn Jahre warten. Vielleicht sollten Sie doch mal die konventionelle Methode versuchen.“

Kennen Sie das relative Risiko?

Während es hierbei „nur“ um irreführende Werbeversprechen geht, zeigen andere seiner Beispiele, dass vor allem Medien mit selektiven Darstellungen oder unpassender Artikulation von im Grunde harmlosen Statistiken Panik schüren: „Vor kurzem hat Focus-Online die Nachricht gebracht: ‚Tödliche Haiangriffe um 100% gestiegen.‘ Jetzt sind Sie gerade am Mittelmeer im Urlaub. Lassen Sie Ihre Kinder noch ins Wasser? […] Was machen Sie dann? Die Antwort ist: Denken. Nun – das ist ein relatives Risiko. Im Jahr zuvor war die absolute Anzahl von Menschen, die durch Haie ums Leben gekommen sind, weltweit sechs. Es gibt so gut wie kein Tier, was weniger Menschen umbringt als Haie. Und in diesem Jahr stieg es auf zwölf. […] Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie, wenn Sie zum Strand fahren, mit Ihrem Auto ums Leben kommen, ist wesentlich höher als durch einen Hai. Also wenn Sie sich um Ihr Leben sorgen, dann nicht wegen der Haie.“

„Kollektive Zahlenblindheit“ zeige sich besonders häufig im Umgang mit relativen und absoluten Wahrscheinlichkeiten, den auch das obige Beispiel erfordert. Dabei erscheint die Verkündung von „100%“ im Titel als übermächtig und allumfassend, da man doch lernte: 100% ist ein Ganzes. Dies gilt jedoch lediglich für eine absolute Wahrscheinlichkeit. Dass eine Änderung von Wahrscheinlichkeiten dagegen einen Ausgangs- oder „Grundwert“ und im Zweifelsfall eine schnelle Dreisatzrechnung benötigt, wird im Alltag gerne übergangen.

Gerd Gigerenzer setzt sich aus diesem Grund für eine durchgängige Erklärung mittels absoluter Häufigkeiten ein – so werden aus 3% beispielsweise 3 von 100 Personen und ein Anstieg um 100% resultiert leicht nachvollziehbar in 6 von 100 Personen. Absolute Häufigkeiten beinhalten eine Bildhaftigkeit, die Wahrscheinlichkeiten nicht bieten können. Dies könne ein Schritt zu „ehrlicher Kommunikation“ sein, die gerade in Zeiten von Fake News noch wichtiger würde.

Plädoyer für (frühe!) statistische Bildung

Natürlich muss das Verstehen von Statistik quer durch die Gesellschaft und besonders in Berufen gefördert werden, in denen viel vom Zahlenverständnis abhängt, beispielsweise unter Medizinern. Schon der Mathematikunterricht aber solle sich nach Gerd Gigerenzer in einer gewissen Weise aufklärerisch verstehen und so unbedingt auch be(tr)achtet werden: „Man könnte solche Beispiele schon in der Schule lernen. Und Kinder sind froh, wenn sie das lernen, was ihre Eltern nicht verstehen. Dann können sie nach Hause gehen und sagen: ‚Papa? Weißt du denn, was 30% Regenwahrscheinlichkeit bedeutet?‘ Und dann sieht man, dass man in der Schule was Nützliches lernen kann!“

Zum Nachhören

Vortrag G. Gigerenzer: Vom Umgang mit Risiko und Unsicherheit - Wie man die richtigen Entscheidungen trifft

Zum Weiterlesen

Die "Unstatistik des Monats" hinterfragt regelmäßig publizierte Zahlen und deren Interpretationen

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